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Erst das Meer anschauen, dann das Boot bauen...

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© Rudi Grabowski /Pixabay
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Impuls zum 6. Sonntag der Osterzeit (Joh 14,15-21)

„Wenn du hinaus willst auf das Meer und du suchst Menschen, die dir helfen, ein Schiff zu bauen und sich mit dir auf den Weg in die Zukunft zu machen, dann erzähle ihnen von der Weite und der Freiheit, von der Schönheit und auch von der Größe des Meeres.“ Irgendwo habe ich diese Worte gelesen. Sie kamen mir in den Sinn, als ich das Evangelium des Sonntags betrachtete und darüber nachdachte. 

Unter dem Stichwort „Abschiedsreden“ finden wir die Textstelle des Evangeliums zu Beginn der Kapitel 14 – 17 beim Evangelisten Johannes. Sie geben eine Art Vermächtnis Jesu wieder. Sie bringen zur Sprache, was ihm wichtig ist und sind deshalb auch von besonderem Wert für alle, die ihm am Herzen liegen und für die er Herzensbedeutung hat. Beides sind diese Worte: Abschied und Weisung, Vermächtnis und Hilfe für die Zukunft.

Der Situation geschuldet sind es verdichtete Worte, die der Herr seinen Jüngern am Vorabend seines Todes sagt. Sie wollen die angstvolle Ungewissheit der Jünger klären und hineinführen in Gottes Zukunft, die auch Zukunft der Gemeinde, der Kirche ist und sein muss. Hier ist eine Brücke aus der Erfahrung der Jünger und der jungen Kirche zu uns heute. Die Zeit nach Ostern bis zur Himmelfahrt des Herrn und der Geistsendung an Pfingsten ist eine Zwischenzeit in der Art einer Besinnungszeit. Die geistliche Übung dieser Zeit bedeutet, dass die Jünger sich einstellen müssen auf die Abwesenheit Jesu, um in der neuen Anwesenheit des Auferstandenen, die vermittelt wird durch den Heiligen Geist, ihren Weg des Glaubens und der Gemeinschaft zu finden. Diese Zeit ist vergleichbar mit der von uns allen erlebten Quarantäne durch das Corona-Virus. Mit Beginn der Lockerungen der einschränkenden Regeln stehen auch wir alle vor der Frage, wie es persönlich und gemeinschaftlich weitergehen kann. Das Nachher entscheidet sich jetzt in der Gegenwart. Die Krise ist immer auch eine Chance!

Schauen wir also auf die Empfehlungen Jesu, in denen der Verfasser des Evangeliums auch seiner Gemeinde zeitlos Hilfestellung vermittelt.

Nicht kausal verknüpft sind die Worte des Herrn, so dass sie eine Last wären, im Sinne von: Haltet meine Gebote, dann… Nicht einfach als Rezept oder Verordnung kommt das Vermächtnis Jesu zu den Jüngern und zu uns. Sondern: Wenn ihr mich liebt! Das Lieben-Wollen ist der Zugang.

Das Wort Jesu ist nicht toter Buchstabe der Vergangenheit, nicht rückwärtsgewandt. Vom Liebenden zu den Geliebten ist es gesagt als Zuversicht: Ich lasse euch nicht allein zurück! Aus Liebe in seinem Wort und in seiner Weisung bleibend, ist sein Wort unser Geist und unser Leben. „Ich bin bei euch allezeit!“ (vgl. Mt 28,20 u.a.), sagt er bei Matthäus. Und hier bei Johannes: „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück, ich komme zu euch.“ (Vgl. Joh 14,18). Das kann nur entdecken, wer in Jesus und seinem Wort ist und bleibt: Es – sein Wort und damit er selbst – ist dynamisch, höchst lebendig und ver­wan­delt die Welt. Es ist die Kraft des Bewusstseins, geliebt zu werden und lieben zu dürfen! „Die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet.“ (Joh 14,19)

Was Jesus sagt, vergeht nicht. Wer sein Wort hat – und damit ihn selbst –, wer sein Wort und ihn selbst in seine Personenmitte holt, in sein Herz, wer ihn also be-herzigt, der besitzt in Gegenwart und Zukunft Leben in Fülle, ewiges Leben.

Ich sagte es schon: Zeitlos im Jetzt ist dieses Wort gesagt. Es sind keine toten Buchstaben. Das Wort will gehört und mit allen Sinnen aufgenommen werden, will ankommen in meinem, in deinem, in unserem Leben. Der Schallraum des Wortes ist unser Lebens-HEUTE, sind die Umstände unseres Alltages, unser Sehnen und Suchen, sind die Menschen um uns herum, ist unsere Welt. Diesen Raum und in ihm den auferstandenen Christus zu spüren und wahrzunehmen als lebendige Atmosphäre und Begegnung der Liebe und der Solidarität, ist das Werk des verheißenen und geschenkten Heiligen Geistes. Er ist die Weite und die Nähe Gottes. Der Gottesgeist ist es, der in uns und durch uns unsere kleine und die große Welt durchlässig und neu schafft auf Gott hin und der die Welt und uns damit aus der Kraft der Liebe erneuert. Er allein kann es fügen, dass Gottes liebender Wille ein Licht ist für unsere Sinne, Liebe in unseren Herzen. In ihm ist der Gekreuzigte und Auferstandene Herr in unserer Mitte!

„Wenn du hinaus willst auf das Meer und du suchst Menschen, die dir helfen, ein Schiff zu bauen und sich mit dir auf den Weg in die Zukunft zu machen, dann erzähle ihnen von der Weite und der Freiheit, von der Schönheit und auch von der Größe des Meeres.“

Jesus will die Jünger und natürlich auch alle in seinem Umkreis befreien von der Angst um die Zukunft. Sein Vertrauen auf die Nähe Gottes, sein „im Vater sein“, das in seinen Worten deutlich wird, ist auch uns als Weg des Lebens geschenkt. Es ist Gottes Wille, so deutet es der Evangelist Johannes, dass das ewige Wort in der Kraft des Heiligen Geistes durch uns Menschen Fleisch wird – immer wieder –, oder wie es der Apostel Paulus an die Gemeinde von Korinth schreibt, dass wir – seine Freunde – ein Brief der Liebe Gottes in und für Welt sind (vgl. 2 Kor 3,3). Anders können wir als Christen nicht sein!

Die Liebe als Zugang und Königsweg in die Zukunft gibt sich nicht mit Halbheiten oder gar Berechnungen zufrieden. Sie nimmt den ganzen Menschen in Beschlag und fordert als Antwort nie weniger als alles. Das entspricht unserer eigenen Erfahrung: Der Gleichklang der Herzen fordert die Aktivierung des ganzen Vermögens, aller Fähigkeiten, des ganzen Verstandes und des Herzens. Genau so fordert Jesus, dass wir in Verbindung mit ihm voll-lebendige Menschen seien, uns ihm anvertrauen, ganz dem liebenden Wort Gottes verbunden, geschmeidig und beweglich, durchwirkt von der Kraft des Gottesgeistes.

In den existentiellen Nöten der Jünger finden wir uns selbst wieder. Jede Krise entlässt uns in einen Abschied von Liebgewordenem in die Ungeborgenheit, erfasst uns als Verwirrung im Strudel von Gesellschaft und Zeit. Da ist es ein Trost zu wissen, dass Gott uns durch seinen Geist begleitet und stärkt. Es macht neugierig auf die Zukunft, wenn uns zugesagt ist, dass wir in Gott liebevoll aufgenommen sein werden. Deshalb sagt Jesus: „Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“ (Vgl. Joh 14,21).

Erzählen wir einander von der Schönheit und Fülle des Glaubens wie von der Weite des Meeres!

Bleiben Sie behütet!  Ihr P. Guido